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03.Apr.2001
Martin Baute per E-Mail


Persönliche Einschätzung von Martin Baute
Mein letzter Artikel - (This article in English)

Aprilscherz?

Eines vorneweg, seit Sonntag früh (1.4.2001) habe ich die Situation um Amiga nur noch flüchtig verfolgt. Vielleicht war das Interview, das Bill McEwen an diesem Tag gegen 8 Uhr mitteleuropäischer Zeit gab, ein gewaltiger Aprilscherz, und ich habe es nur noch nicht mitgekriegt. So oder so bin ich aber sauer, wütend, und vor allem maßlos enttäuscht.

Ganz kurz etwas zu mir. Ich war kein Amiga-User der ersten Stunde, meine "Karriere" als Amigianer begann 1993 mit einem gebrauchten A2000. Doch ich war dabei, als Commodore pleite ging. Ich habe den Walker auf der CeBit gesehen, und fassungslos die Sinnlosigkeit dieses Designs bewundert. Ich habe das Elend um VIScorp miterlebt, und als Newsmaster der Amiga News & Stories darüber berichtet. Ich habe die Übernahme durch Gateway, Aufstieg und Fall des Jim Collas miterlebt, und als "English-Master" bei amiga-news.de darüber berichtet. Ich habe die Übernahme durch Amino miterlebt, und in der Folge in Artikeln, auf Foren und bei Treffen der Bielefeld Amiga Users & Developers die Pläne von Amiga Inc. nach Kräften erklärt und verteidigt. Ich war in all den dunklen Jahren dabei, und ich denke, das gibt mir das Recht, mich als "Amigianer" zu sehen.

Am Morgen des 1.4.2001 fand dieses "Amigianertum" ein abruptes, überraschendes, schmerzvolles Ende.

Tatort St. Louis Amiga Show. Vollmundig war angekündigt worden, diese Show wäre ein "ground shaking event", ein Tag, der alle vorangegangenen Präsentationen und Ankündigungen in den Schatten stellen würden. In gewissem Sinne, so finde ich, wurde dieses Versprechen eingehalten.

Kurzer Epilog

Amiga Inc. hatte, basierend auf der Technologie von Elate / intent der Tao Group, ein völlig neues Konzept angepeilt: Ein Betriebssystem (bzw. eine Betriebsumgebung), die unabhängig von der zugrundeliegenden Hardware auf so gut wie jeder Architektur (PowerPC oder x86 Desktop, Set-Top-Box, PDA, Server, ...) laufen können soll. Zusätzlich dazu die Möglichkeit, auch "gehostet" quasi als eigene Anwendung unter fast jedem bekannten Betriebssystem installiert werden zu können.

Das Konzept war einfach und überzeugend: Software, die für das AmigaDE geschrieben wird, läuft auf allen Betriebssystemen, auf allen Architekturen. Nie wieder Portierungen, nie wieder eine falsche Entscheidung bei der Zielplattform. Die Fähigkeit zur "gehosteten" Anwendung hätte es erlaubt, den Markt nach und nach zu durchdringen, schrittweise Entwickler und Anwendungen anzuziehen, mehr und mehr des Computeralltags durch Amiga-Software zu ersetzen, bis der Host irgendwann überflüssig wird.

Die Erwartung

Ich hockte also zu nachtschlafender Stunde vor meiner Tastatur, in gespannter Erwartung, was denn nun kommen würde. Hatte man vielleicht das SDK fertig, inklusive 3D-Grafik und Audio-Unterstützung? Hatte man einen der großen Linux-Distributoren überzeugen können, das AmigaDE mit ins Paket zu nehmen? Hatte man einen finanzstarken Gönner aufzuweisen?

Kurz vor Beginn des Interviews kam dann das Gerücht auf, Amiga Inc. würde das AmigaOS 4.0 PPC native ankündigen. Eine bittere Pille wäre das, dachte ich mir, denn es würde User, Entwickler und Händler noch weiter zersplittern - die einen setzen auf´s AmigaDE, die anderen auf OS 4.0, und beide Projekte scheitern kläglich... Auf der anderen Seite konnte ich die User gut verstehen, die erhebliche Summen in ihre PPC-Amigas investiert hatten, und diese Hardware weiter nutzen wollten.

Die Entscheidung

Die Entscheidung war dann so ungefähr der übelste Tiefschlag seit dem Weggang von Jim Collas. Das AmigaDE erhielt von Bill McEwen ganz offiziell den Stempel "kein Speicherschutz, kein Virtual Memory, nur für PDAs und Desktops geeignet". Man würde für Desktop-Rechner und Server das AmigaOS 4.x PPC-native entwickeln, in das man dann "in den nächsten Versionen", sprich im Laufe der nächsten Jahre, Speicherschutz einbauen würde. Ganz nebenbei würde dieses OS 4.0 nicht auf bestehender Hardware, sondern nur auf AmigaOne-Rechnern laufen. Mit der Zeit würde man OS 4.x und AmigaDE dann zusammenwachsen lassen und den Amiga in eine goldene Zukunft führen. Bill McEwen fand das Ganze offensichtlich sehr lustig, wie man sich anhand des MP3-Mitschnitts der Frage-und-Antwort-Stunde selbst überzeugen kann.

Dazu fiel mir erst einmal gar nichts mehr ein. Mir war schlecht, ich war unglaublich wütend, und wenn es nicht früh am Morgen gewesen wäre, hätte ich vielleicht versucht, McEwen durch´s Modem anzuschreien und mal kräftig durchzuschütteln. Geschüttelt habe ich dann nur mit dem Kopf, als ich wenige Stunden später las, wie auf verschiedenen Online-Foren diese Entscheidung auch noch freudig begrüßt wurde.

Die Konsequenzen

Ich mag mich irren. Amiga mag mit dieser Strategie einen gewaltigen Erfolg erringen. Aber ich mag nicht mehr daran glauben. Was bedeutet diese Entscheidung?
  1. OS 4.x soll auf Servern eingesetzt werden. Speicherschutz mag man auf Desktops haben wollen oder nicht, auf Servern ist es schlicht ein Muss. Laut McEwen wird es Speicherschutz erst ab OS 4.2 geben, nach Planung Amiga Inc. sind das etwas über 12 Monate. Bis dahin wird niemand AmigaOS als Produktionsserver einsetzen, und auch wage ich das zu bezweifeln: Wer kann mir eine Firma nennen, die Server auf Basis von PowerPC-Prozessoren einsetzt?
  2. AmigaOS 4.x wird nicht auf bestehender Hardware laufen. Das bedeutet, OS 4.x wird sich nur an diejenigen verkaufen, die sich einen AmigaOne kaufen. Viele "Altuser" werden bei ihren bisherigen Maschinen bleiben. Manche werden auf andere Plattformen umsteigen. Warum irgendjemand z.B. aus dem Linux- oder dem Windows-Lager einen AmigaOne kaufen sollte (auf dem neben OS 4.x und LinuxPPC nun wirklich gar nichts läuft), geht über meinen Horizont.
  3. Die Leute, die sich ein SDK oder gar einen d´Amiga gekauft haben, wurden von Amiga Inc. voll im Regen stehengelassen. Auf absehbare Zeit ist AmigaDE bzw. das SDK in den Plänen von Amiga Inc. für PDAs, Set-Top-Boxen und Internet-Waschmaschinen vorgesehen. Die wenigen verbliebenen Programmierer, die danach gelechzt haben, für das AmigaDE Applikationen wie Textverarbeitungen, E-Mail-Programme und 3D-Spiele zu programmieren, dürfen jetzt entweder ihren x86er einmotten und per Salto rückwärts eine neue PPC-Hardware anschaffen, oder müssen noch ein paar Jahre warten, bis OS 4.x und AmigaDE vermählt werden.
  4. Wer sich den AmigaOne anschafft, kann darauf AmigaOS 4.x oder LinuxPPC nutzen. Sollte Amiga Inc. mit den aktuellen Plänen scheitern, bleibt nur noch LinuxPPC. Dafür muß man dann eine Summe hinlegen, für die man lässig einen x86er PC bekommt, auf dem man neben dem besser unterstützten x86er Linux auch noch Windows, QNX, BeOS, AROS, WinUAE und ein gutes halbes Dutzend weiterer Betriebssysteme zur Auswahl hat.
  5. Bis Amiga Inc. das eigene Versprechen einlösen kann, eine Betriebsumgebung zu bieten, die hardwareunabhängig vom Handy bis zum Server skaliert werden kann, werden nach Angaben von Mr. McEwen noch mindestens drei Jahre ins Land gehen. Ich werde jetzt nicht darüber spekulieren, inwieweit man dann noch davon träumen kann, in einen von Embedded Linux und Microsoft .NET dominierten Markt vorzustoßen. In diesem, vielleicht auch noch im nächsten Jahr hätte man mit den Fähigkeiten Skalierbarkeit und Binärkompatibilität vielleicht noch groß punkten können. Dummerweise bewegt sich die Konkurrenz in die gleiche Richtung, und wenn Microsoft erst einmal Fahrt aufgenommen hat, so zeigt die Geschichte, hilft alle überlegene Technik nicht mehr weiter.

Bei aller Liebe kann ich in den aktuellen Plänen von Amiga Inc. keinen Sinn oder Verstand mehr erkennen. Man zwingt die Altuser genau wie die Entwickler "an der Front" auf neue Hardware, man verschiebt die Realisierung des großen Versprechens auf Jahre in die Zukunft, und Bill McEwen reißt seine Witze darüber.

Sorry, mir reichts. Ich wünsche Amiga Inc. und der verbliebenen Community trotz allem viel Glück, und würde mich sehr freuen, sollte ich mich geirrt haben. Aber seit Sonntag, 1.4.2001, ist meine Zeit als aktiver "Amigianer" zu Ende, denn anscheinend lebt man in Snoqualmie in einer rot-weiß karierten Gummizelle, oder einem Elfenbeinturm, auf jeden Fall scheint man jeglichen Sinn für Realität verloren zu haben. (ps)

[Meldung: 03. Apr. 2001, 10:29] [Kommentare: 194 - 08. Apr. 2001, 02:51]
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